Peter Kogler

Peter Kogler
27.04.2023 – 01.06.2023

Zu Peter Koglers Ausstellung

Als mich Gregor Hildebrandt vor kurzem so ganz nebenbei fragte, ob ich einen kleinen Text über Peter Kogler schreiben könne, der demnächst bei ihm – das heisst im beliebten und vielbesuchten Ausstellungsraum von Grzegorzki Shows ausstellen würde– habe ich spontan „kann ich nicht“ gesagt. Weil ich zum Beispiel länger nichts von Peter Kogler gesehen habe...
 
Dann schickte mir eine Freundin zufällig ein Foto, auf dem sie in einem Café zu sehen ist, umgeben von einem wandbedeckendem Rohr-Netzwerk – sofort erkennbar als eine Peter-Kogler-Arbeit.
Grossartig!
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Und schon begann ich mir vorzustellen, was Kogler wohl in dem kleinen Ausstellungsraum bei Gregor installieren würde – welches Motiv aus seinem Repertoire wohl infrage käme –  Gehirn? Ameise? Ratte? Röhren? Kann er selbst in diesem kleinen Raum, den man mit wenigen Blicken abschätzen kann, die Bedingungen der Wahrnehmung verändern? Kann er täuschen, Illusionen erzeugen? Die Netzhaut seiner Betrachter an den Rand ihrer Fähigkeit bringen? Ich weiss, dass er das „normalerweise“ kann – sogar die Schwerkraft ins Wanken bringen, den Raum mit Perspektiven dynamisieren, so dass er kaum wiederzuerkennen ist. Aber in so einem kleinen Raum?

Also fragte ich Gregor, was Peter ausstellen wird.

Folgendes passierte:
Gregor freute sich... „super, dass Du was schreiben wirst“ -  Widerrede zwecklos - und er werde gleich die Information mit Foto schicken.

Das Foto kam und es zeigt keine Rauminstallation, keine Tapete an den Wänden - die Ausstellung besteht aus drei Arbeiten, die im Ausstellungsraum installiert werden – und die auf einem Foto zu sehen sind:
1.) Ein grüner ausgestreckter Arm, der Zeigefinger der Hand deutet auf etwas.
2.) Das Bild eines orangefarbenen Hirns. Und
3.) eine Kiste mit einem blauen grafischen Raster und einer Kugel in der Mitte
Tja...
Wie gesagt, ich habe lange nichts gesehen und kenne und bewundere Kogler’s mit Mustersystemen bedruckte Papierbahnen, seine Videoprojektionen und Computeranimationen, „die Räume in begehbare illusionistische Labyrinthe verwandeln, die sich über Decken, Wände und Böden ziehen und den gesamten Sichtkreis des Betrachters einnehmen“ – das findet Wikipedia auch.
Für mich war bei Kogler immer der Raum das Bild, an ein Bild im Raum kann ich mich nicht erinnern.
Also stelle ich -  etwas beschämt -  an Peter Kogler Fragen wie „sind diese Arbeiten neu“? Oder: „haben die Arbeiten, die Du zeigen wirst Bezüge zu Deinen „anderen Arbeiten“ wie den Installationen?...usw

Antwort Kogler:
„Diese Arbeiten, die ich ausstelle, habe ich immer gemacht"!

Erklärung Kogler:
Die Hand mit dem Zeigefinger ist ein digitaler Druck auf Aluminium – ca 240 cm lang, ohne Titel, von 2021 – und damit relativ aktuell.
Das Hirn, orangefarben, ist eine Fotokopie, umkopiert und auf Leinwand kaschiert, 120 cm x 120 cm, ohne Titel, - eine frühe Arbeit 1989/1990
Und die dritte Arbeit ist eine „Fly Case“, also eine Art Transportkiste, 120 cm hoch, 80 cm tief, 110 cm breit – ausgekleidet mit einem blauen grafischen Muster, in dessen Mitte sich eine Art Globus befindet, der sich unkontrolliert wie ein Ball in alle Richtungen dreht. Ohne Titel, von 2023.

Generelle Erklärung Kogler:
Natürlich habe sich das Vokabular seiner Arbeit, die technischen Möglichkeiten und auch die Wahrnehmung in den rund 40 Jahren verändert, seit er in den frühen 1980er Jahren – als einer der ersten Künstler – mit Computern zu arbeiten begann. „Ab 1984 kamen mit dem ersten Macintosh die ersten Systeme auf, die man über Piktogramme steuern konnte, also über kleine Icons, wie wir sie heute ständig benutzen". Damals war es also nicht mehr notwendig, Text einzutippen, sondern man zeigte mit der Maus auf Farbeimer, Radiergummi, Pinsel oder Schere. „Mit einem Mal konnte man die Programme schnell, einfach und damit intuitiv nutzen, das war „ein großer Umbruch in der Kommunikationstechnologie“ sagt Kogler – und dass er begann, einfache und zugleich komplexe Zeichen aus Motiven seiner Zeichnungen zu entwickeln – zum Beispiel Ameisen, Röhren, Gehirne.

Künstlerisch gearbeitet habe er aber auch schon vorher – zum Beispiel zeigte er 1979 eine kleine Performance in der Galerie Krinzinger in Innsbruck und wenig später folgte eine „5-Minuten Ausstellung“ in der Galerie nächst St. Stephan in Wien: ein Foto auf  Kogler’s webpage zeigt seinen fünf Minuten langen Kopfstand in einem topfartigem Metallgefäss – es hatte „bezugnehmend auf Performance und Aktionismus eine ironische Komponente“ hat er mal in einem Gespräch gesagt, weil es „in gewisser Weise von der Dramatik her das Gegenteil des Wiener Aktionismus war. Also völlig undramatisch.“

1983 zeigte Kogler in der Galerie Krinzinger in Innsbruck seine erste Einzelausstellung mit Kohlezeichnungen einfacher Zeichen auf Kartonobjekten, die sich oft auf architektonische Formen bezogen. Damals gab es auch ein Kartonhaus, dreidimensional – und diese Dreidimensionalität hat sich dann zunehmend verselbständigt – durch den ersten Macintosh.
 
Für mich - die Schreiberin - und sicher auch für einige der jungen Ausstellungsbesucher - ist das Geschichte... in den 1980er Jahren war ich gerade Architektin geworden mit dem mässigem Wissen über zeitgenössische Kunst eines Bildungsbürger-Kindes, aber einer gewissen Neugier, weil meine Eltern mich in Museen, Kunstvereine und zu "wichtigen" Ausstellungen wie die documenta mit nahmen. Ein echtes Interesse an der Kunst wurde erst geweckt, weil es in Braunschweig neben meiner Technischen Uni auch eine Kunsthochschule gab, in der einige meiner Hausmitbewohner studierten, die mich zu Ausstellungen, in ihre Ateliers und zu Filmabenden mitnahmen. So lernte ich, welche Künstler man verehrte, vergewisserte mich darüber in Katalogen, um nicht ganz doof da zustehen, diskutierte mit den Freunden und sah mir - ohne Eltern - viele Ausstellungen an. Anfangs war keine Peter-Kogler-Ausstellung  dabei.
Aber dann sah ich 1992 seine Arbeit auf der documenta IX - und glaube bis heute, dass ich sie verstand. Dessen konnte ich mich  oft neu versichern, weil ich nach der documenta mehrere seiner Einzel- und Gruppen-Ausstellungen sah.
Das gehörte sogar zu meinem neuen Job, denn aus Frustration über den Zustand der Architektur hatte ich in den 1990er Jahren die Architektur aufgegeben - und war Journalistin beim SPIEGEL mit Schwerpunkt Kunst und Architektur geworden.

Geschrieben habe ich über Kogler damals allerdings nur ein einziges Mal im Januar 1997 - einen kurzen, nicht bemerkenswerten Text über ihn - sehr, sehr lange her....
 
Damals war Kogler viel beschäftigt – auch deshalb, weil jeder Besucher fünf Jahre vorher auf der documenta IX  seine Arbeit  in der Eingangshalle des Fridericianums gesehen hatte, denn man musste daran vorbei, um in die  Ausstellungsräume der documenta zu gelangen.
Staunend – und ich erinnere mich wirklich daran – schaute man auf Koglers ornamentale Ameisentapete, auf der eine computer-stilisierte Ameisenlegion unbeirrt an den Wänden entlangkroch  - während es aus dem zentralen Video von Bruce Naumann im selben Raum „Help me, hurt me“ schrie.
Es sei „eine mutige Entscheidung von Jan Huet gewesen, das Entree mit dem Superstar Nauman und mit einem No-name zu besetzen“, sagte Kogler damals. Und er sei überrascht gewesen über die vielen Abbildungen und Diskussionen in den Medien. Bescheiden vermutete er, das sei sicher „wegen der Signifikanz, der Bildstruktur und wegen der Offenheit für Interpretationen“ geschehen.
 
Auf jeden Fall war Kogler seither noch mehr gefragt als vorher – denn auch schon vor der documenta war er kein No-name gewesen. Nach der ersten documenta erweiterte sich seine Ausstellungsliste auf eine weitere documenta (X), die Venedig Biennale, und auf grosse wichtige Museen - weltweit.
 
In dieser Zeit hatte ich das Glück, Peter und seine Familie 19xx bei der Hochzeit eines gemeinsamen Freundes in Frankreich kennenzulernen. Wir haben uns befreundet - und sind es bis heute - obwohl wir uns nicht häufig sehen.
 
Das alles ging mir durch den Kopf, als ich NICHT für die kleine Ausstellung schreiben wollte – denn gerade einem Freund gegenüber möchte man sein Bestes geben.
 
„Das Beste“ im Kunstkontext bedeutet allerdings heute - meiner Meinung nach - dass unser Blick auf ein Kunstwerk mit pädagogischen, belletristischen, schöngeistigen, ja sogar wissenschaftlichen Erklärungen und Kommentare "zwanghaft" umgeben und begleitet wird. Natürlich bin ich dankbar für Informationen zu Künstler, Titel, und Ort des Exponates und eventuell wenige erläuternde Zeilen zum Werk.
Ich glaube aber, dass unsere eigene Sicht auf ein Kunstwerk eher vernebelt wird von einer „Kunstschriftstellerei“, die mit Sprache die Kunst thematisiert, ohne auf Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Argumentierbarkeit zu achten. Und manchmal habe ich sogar den Verdacht, die Kuratoren lenken die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre eigene Theorieproduktion.
 
Ich wünsche allen Besuchern eine klare Sicht auf die Ausstellung - zusammen mit Susan Sontag, die bis heute prägend die Frage, ob die Kunst kommentierungsbedürftig sei,1964 in ihrem Essay "Against Interpretation" klar mit NEIN beantwortet hat.
 
Ingeborg Wiensowski